In diesem Artikel erforschen wir die Gründe für diese Reaktion, die verschiedenen Mechanismen (SN1, SN2), und wie sich letztere voneinander unterscheiden. Im dazugehörigen Video gehen wir außerdem verschiedene Reaktionen durch und entscheiden, ob dort wohl ein SN1- oder ein SN2-Mechanismus stattfindet.
Was passiert hier?
Diese Moleküle sind nucleophil, da sie über mindestens ein freies Elektronenpaar verfügen: Beim Wasser trägt der Sauerstoff zwei freie Elektronenpaare und beim Ammoniak trägt der Stickstoff ein freies Elektronenpaar. Die freien Elektronenpaare können leicht an einem positiv geladenen oder polarisierten Zentrum angreifen, da sie nicht in einer kovalenten Bindung involviert sind und quasi frei zur Verfügung stehen.
Nucleophile lassen sich zusätzlich noch nach ihrer Reaktivität (also ihrer Nucleophilie) einordnen. Ein Teilchen ist umso nucleophiler, je leichter es die Elektronendichte zur Verfügung stellen kann. Somit sind Anionen eher Nucleophile als neutrale Teilchen, da sie in der Regel elektronenreicher sind. Außerdem spielt das Element, an welchem sich die negative Ladung oder das freie Elektronenpaar befindet, eine entscheidende Rolle. Iodid ist bspw. ein viel stärkeres Nucleophil als Fluorid, da es deutlich weniger elektronegativ ist und somit seine Valenzelektronen nicht stark an sich bindet. Es spielen noch viele andere Faktoren wie Atomradius und Lösungsmitteleffekte eine Rolle, aber das soll uns erstmal nicht weiter beschäftigen. Für einen vollen Exkurs zur Nucleophilie kannst Du dir aber dieses Video anschauen.
Nun zur Abgangsgruppe X. Ein Teilchen ist eine gute Abgangsgruppe, wenn es zum einen stabil ist, und zum anderen eine schwache oder geschwächte Bindung zum Kohlenstoff des organischen Moleküls trägt.
Wir können uns das so vorstellen: Damit das Teilchen X die kovalente Bindung zum organischen Molekül aufgibt, muss es gute Gründe haben. Ein Grund wäre, dass die Bindung zum Kohlenstoff sowieso nicht so stark ist. Das leuchtet ein, denn wenn keine starke kovalente Bindung vorliegt, brauchen wir auch nicht viel Energie, um sie zu brechen, und es stellt einen Energiegewinn dar, wenn wir die schwache kovalente Bindung zu X gegen eine stärkere kovalente Bindung zum Nucleophil austauschen (substituieren).
Zum anderen muss das Teilchen, welches nach Spaltung der kovalenten Bindung entsteht, auch stabil sein. Spalten wir ein nicht gut stabilisiertes Anion ab, wie bspw. ein Carbanion (R3C−) oder ein Amid (R2N−), so liegt kein Energiegewinn vor. Spalten wir hingegen ein neutrales Teilchen (H2O, NH3) oder ein gut stabilisiertes Anion (Br−, I−) ab, so ist dieses Teilchen stabil genug, um das Molekül zu verlassen.
Das mag alles zunächst sehr abstrakt klingen, aber es wird mehr Sinn ergeben, sobald wir uns die ersten richtigen Reaktionen anschauen.
Der SN1-Mechanismus
Nun schauen wir uns die verschiedenen Wege an, über welche die nucleophile Substitution stattfinden kann. Wir fokussieren uns zunächst auf den SN1 und dann auf den SN2-Mechanismus. Beide Mechanismen haben konzeptionell dasselbe Ziel der nucleophilen Substitution, wie oben beschreiben. Doch wir werden sehen, dass sie mechanistisch sehr verschieden sind.Der zweite Schritt (nucleophiler Angriff) besitzt hingegen eine geringe Aktivierungsenergie. Dies liegt daran, dass das Carbenium-Ion ein äußerst starkes Elektrophil ist und mit allem, was auch nur leicht nucleophil ist, abreagiert. Somit findet der nucleophile Angriff sehr schnell statt und ist nicht der GBS.
Ist das Carbokation instabil, wie bspw. bei primären Carbokationen, so ist die Aktivierungsenergie der Dissoziation zu hoch, und die Reaktion findet nicht oder nur extrem langsam statt. Im Allgemeinen sind tertiäre Carbeniumionen stabil genug für einen SN1-Mechanismus, da die positive Ladung dreimal über Hyperkonjugation stabilisiert ist. Ein SN1-Mechanismus mit sekundären Carbeniumion als Intermediat ist auch möglich, aber eher langsam. Deshalb hilft es hier, wenn zusätzlich elektronenschiebende Substituenten (bspw. mit +M-Effekt) vorhanden sind.
Die zweite Bedingung für einen SN1-Mechanismus ist eine gute Abgangsgruppe. Ist die kovalente Bindung zwischen der Abgangsgruppe und dem Kohlenstoff zu stark, so ist auch hier die Aktivierungsenergie für die Dissoziation so hoch, dass die Reaktion nicht stattfinden kann. Dasselbe gilt, wenn die Abgangsgruppe nicht genug stabilisiert ist.
Der SN2-Mechanismus
Die Hydroxy-Gruppe ist als gutes Nucleophil somit angezogen von der positiven Partialladung, und greift dementsprechend nucleophil am Kohlenstoff an. Dieser nucleophile Angriff sorgt dann gleichzeitig dafür, dass die Abgangsgruppe abgespalten wird. Du kannst Dir vorstellen, dass das Nucleophil die Abgangsgruppe mit seiner Elektronendichte verdrängt. Dies wird auch ersichtlich, wenn wir uns den Übergangszustand der SN2-Reaktion anschauen, weiter unten im Bild.
Wir sehen, dass im Übergangszustand der Kohlenstoff pentavalent (fünfbindig) ist. Es ist fest an die nicht-partizipierenden Substituenten gebunden, und trägt zum Nucleophil und der Abgangsgruppe jeweils eine lockere Bindung – wobei die Bindung zum Nucleophil locker ist, weil sie grade geformt wird, und die Bindung zur Abgangsgruppe locker ist, weil sie grade gebrochen wird. Was auch noch wichtig ist zu erkennen: Das Nucleophil greift stets über einen Rückseitenangriff an. Das bedeutet, dass der Winkel zwischen Nucleophil und Abgangsgruppe im Übergangszustand 180° beträgt.
Warum greift das Nucleophil zwingend von hinten an?
Die SN2-Reaktion ist eine bimolekulare Reaktion, da im geschwindigkeitsbestimmenden Schritt (GBS) zwei Teilchen involviert sind: Organisches Molekül und Nucleophil. (Da die Reaktion einstufig ist, ist logischerweise der eine Schritt auch der GBS.)
Zum einen brauchen wir ein starkes Nucleophil. Das ergibt Sinn, da das Nucleophil so reaktiv sein muss, dass es leicht den nur partialpositiv geladenen Kohlenstoff angreifen kann. Bei der SN1-Reaktion muss das nucleophile Teilchen das Carbenium-Ion angreifen. Dieses trägt eine „echte“ positive Ladung, weshalb auch schwache Nucleophile dort angreifen können. Bei dem SN2-Mechanismus fehlt dieser stark elektrophile Reaktionspartner, weshalb das Nucleophil diese Reaktivität bereits mitbringen muss. Was ein Nucleophil stark macht, haben wir ausführlich in einem anderen Video geklärt. Kurz gesagt, machen folgende Faktoren ein Teilchen stark nucleophil, wobei nicht alle Kriterien erfüllt sein müssen:
- (i) Negative Formalladung
- (ii) Wenig elektronegatives Atom, welches das freie Elektronenpaar/ die negative Ladung
- (iii) Großer Atomradius
- (iv) Keine sterisch anspruchsvollen Substituenten
Weitere Unterschiede zwischen SN1 und SN2
Die mechanistischen Unterschiede zwischen SN1 und SN2 haben wir nun ausführlich geklärt. Es gibt aber noch weitere Aspekte, in welchen sich beide Mechanismen unterscheiden. Diese werden gerne mal in Prüfungen abgefragt und sind allgemein wichtig für tieferes Verständnis.Physikochemische Aspekte
Eine weitere Größe, um eine Reaktion zu beschreiben, ist die Reaktionsordnung. Um sie zu verstehen, müssen wir erstmal klären, was das Geschwindigkeitsgesetz einer Reaktion ist. Wir schauen uns dies für die SN1 einmal an.
Interessanter ist, dass die Reaktionsgeschwindigkeit abhängig ist von der Konzentration des Edukts, aber nicht von der Konzentration des Nucleophils. Dies ergibt aber auch Sinn: Der GBS ist bei der SN1 die Dissoziation des Edukts, und dementsprechend unabhängig vom Nucleophil. Dies ist eine praktische Information, denn wenn wir die Reaktion im Labor machen wollen, wissen wir, dass es die Reaktion nicht beschleunigt, wenn wir mehr Nucleophil reingeben.
Doch warum ist die Reaktion nun eine ‚Reaktion 1. Ordnung‘? Die Reaktionsordnung ergibt sich aus dem experimentell bestimmten Geschwindigkeitsgesetz, indem man die Exponenten der Konzentrationsterme addiert. Bei der SN1 kommt nur die Konzentration des Edukts vor, welche den Exponenten 1 trägt, weshalb die SN1 eine Reaktion 1. Ordnung ist. Wäre die SN1 aber eine komplexere Reaktion, so hätte der Exponent auch 2 oder gar eine Dezimalzahl wie 1,5 sein können.
Als letztes zum Energiediagramm beider Reaktionen. Das Energiediagramm der SN2-Reaktion ist sehr simpel: Wir haben links die Edukte, rechts die Produkte, und beide sind über den Übergangszustand verbunden, welcher energetisch am höchsten liegt. Dementsprechend ist das Energiediagramm ein einziger Hügel von Edukt nach Produkt.
Da die SN1-Reaktion zweistufig ist, finden wir hier zwei Hügel im Energiediagramm vor. Der erste Hügel führt zum reaktiven Intermediat, dem Carbenium-Ion. Das Carbenium-Ion ist wesentlich instabiler als die Edukte und Produkte, und liegt dementsprechend energetisch hoch. Der zweite Hügel führt dann runter zu den Produkten. Eine ausführlichere Erklärung zu den Energiediagrammen findest Du in diesem Video.
Stereochemische Aspekte
Dieses Thema führt schon deutlich tiefer in die Materie, ist aber sehr relevant für die Planung einer Substitutionsreaktion. Was passiert, wenn ein chirales Edukt vorliegt in einer SN1- oder einer SN2-Reaktion? Wir gehen im Folgenden davon aus, dass auch wirklich nur ein Enantiomer des Edukts vorliegt (enantiomerenreines Edukt).Beim nucleophilen Angriff kann das Nucleophil nun entweder von oben oder von unten das unbesetzte p-Orbital des Carbenium-Ions angreifen; wobei ein Angriff von oben in diesem Fall zu einer S-Konfiguration im Produkt und ein Angriff von unten zu einer R-Konfiguration im Produkt führt. Beide Wege sind gleich wahrscheinlich, und deshalb bilden sich auch beide Enantiomere gleichermaßen. Im Endeffekt haben wir also aus einem enantiomerenreinen Edukt ein racemisches Produkt gemacht, was in der Praxis eher selten gewollt ist.
Zwischen SN1 und SN2 entscheiden
Auf einem Blick...
Nucleophile Substitution
- Bei einer SN-Reaktion wird eine kovalente Bindung zu einer Abgangsgruppe gegen eine kovalente Bindung zu einem Nucleophil ausgetauscht
- SN1: Zweistufiger Mechanismus (Dissoziation + nucleophiler Angriff an carbokationisches Intermediat), benötigt gute Abgangsgruppe & stabilisiertes Carbenium-Ion
- SN2: Konzertierter Mechanismus, nucleophiler Angriff initiiert Abspaltung der Abgangsgruppe, benötigt starkes Nucleophil & zugänglichen Kohlenstoff
Referenzen
1. J.Clayden, N.Greeves, S.Warren, P.Wothers in Organic Chemistry, Vol. 8, Oxford University Press, Oxford, 2008.
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